Von Bullen und Brüsten – unser Fernseher

Ich gestehe hiermit: Familie Schmalzschnitte hat einen Fernseher. Wir gehören damit nicht zu den coolen Familien die sich nach Jahrzehnten der medialen Unterdrückung erfolgreich vom Unterhaltungs-Joch befreit haben. Ganz zu schweigen davon, dass sie aus dem ewigen Hamsterrad der Elektronikhersteller aussteigen weil neben dem Fernseher nun auch Bluray-Player, Hd+-Extra-Ready-Karten und natürlich auch Spielekonsolen kein Thema mehr sind. Damit gehören wir demnach auch nicht zu den weisen Eltern die dem nicht medial überladenen Kinde des Abends gelassen ins Ohr flüstern können „Du willst also eine Nintendo Switch-und-One-und-This-is-for-the-players, Schatz? Aber wo willst du sie denn anschließen, so ganz OHNE FERNSEHER?“.

Unsere Kinder können weiterquengeln, denn die Voraussetzungen für die hypermediale Erfüllung sind alle gegeben. Denn die Eltern – also Frau Schmalzschnitte und ich – sehen gern fern. Das Einzige was wir nicht leiden können, ist das Fernsehprogramm.

Denn die zweite Beichte kommt sofort: Ja, ich langweile mich auf ARTE. Da kann ich nicht viel dagegen machen. Einiges ist sicher auch zu hoch für mich und meinen durch den drögen Tagesablauf geschundenen abendlichen Verstand, aber manches finde ich auch schlicht langweilig. Jetzt kann ich aber dank des Internets heutzutageselbst entscheiden, was mein Fernseher mir zeigt. Allerdings muss ich dazu – warum das Ding auch immer Smart TV heißt, denn so smart kommt mir das nicht vor – erst über das normale Programm gehen, bevor ich den Streaming-Dienst meiner Wahl erreiche. Ich schalte also den Fernseher ein, sehe kurz was die Wasserfall-Media-Spritzen so von sich geben, und kann erst dann meine „Smart Apps“ (ja ja) starten.

Und bei diesen 5-8 Sekunden Privatfernsehen-Druckbetankung haben Frau Schmalzschnitte und ich nach Monaten der Berieselung eine interessante Entdeckung gemacht. Auf unserem „Einstiegssender“ RTL sind in 9 von 10 Fällen entweder nackte Menschen, oder Polizisten zu sehen, oder beides. Dieses Studienergebnis ist 100%-ig repräsentativ und natürlich im Querschnitt der Schmalzschnitte-Familie entstanden.

Und diese Tatsache ist ein Musterbeispiel für die kongeniale Ausnutzung des sozialen Gepräges der Zuschauer. Nacktheit steht in Westeuropa eben immer noch mittelbar für den evolutionären Drang, und zieht damit Aufmerksamkeit. Um die Wirkung zu verstärken liefert der kluge Programmchef dem Zuschauer das Korrektiv gleich mit, den wenn der Westeuropäer Nackte sieht, kommt ihm der Scham erzeugende Polizist mehr als gelegen. Damit haben wir im krassesten Fall beide Fokus-Punkte in einem Bild, und der geneigte Zapper fragt sich natürlich „Ja, was machen die denn da? So nackt? Und mit Polizisten?“. Und bleibt hängen, der Arme.

Teuflisch clever, und das sind nur die Mechanismen, die seicht genug sind damit wir sie merken.

Wer weiß was Katzenfutterwerbung wirklich mit uns anstellt. Oder Streaming-Dienste auf dem Smart-TV. Niemand.

Schmasch

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